Erkenntnis

Heute morgen laß ich ungefähr folgendes von Pater Kolumban:
„Religiöse Traditionen dienen dazu die Einheit der Gemeinschaft in sich und mit Gott zu stärken.“
Dieses Zitat hat mich lange beschäftigt: Die Folge dieser These ist, dass wenn ich mit einer Tradition (Kopftuch, Kruzefix, Beschneidung …) breche oder gegen sie etwas sage, dann vermittle ich den Anhängern der Tradition viel mehr als eine Abneigung der Tradition selbst, denn es vermittelt, dass ich einen DER Faktoren, der die Gemeinschaft subjektiv ausmacht, dieser abspreche. Damit vermittle ich eine Ablehnung gegenüber einer Gruppe Menschen.
Aus diesem Grund haben sich längst veraltete Traditionen gehalten. Kein Theologe würde heute einen Menschen, der das Vaterunser nicht kann, als ungläubig bezeichnen, wenn er sonst an Gott glaubt. Aber es gehört nun mal dazu. Obwohl eigene Gebete sicher viel mehr mit dem Glauben anstellen als runtergeleiherte.
Aus der Sicht eines religiösen Oberhaupts: was kann ich tun um die Glaubenseinrichtung (zb Kirche) zu modernisieren, aber gleichzeitig die Menschen, die ihr ganzes Leben lang ihren Glauben durch veraltete Traditionen nähren, nicht vor den Kopf stoßen?

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7 Antworten to “Erkenntnis”

  1. multikultisaft Says:

    Die optimale Lösung wäre es doch, alle Kulturen erst einmal zu erkunden, kennenzulernen und dadurch Vorurteile abzubauen, darauf zu entscheiden, welche Werte der jeweiligen Kulturkreise die besten sind und zu versuchen, diese Werte hochzuhalten. Wenn jeder Mensch so verfahren würde, würde es keinen Fremdenhass mehr.

  2. Kathrin Says:

    „welche Werte der jeweiligen Kulturkreise die besten sind“ – und wer entscheidet das? Diese Werte-Wertung kann nur rein subjektiv sein, und da wir nicht davon ausgehen können, dass jeder Mensch die gleichen Maßstäbe von Gut und Schlecht hat, würde ein solches Vorgehen den Fremdenhass wohl eher schüren als abbauen.

    Was die religiöse Tradition angeht: Im Prinzip beschreibt Kolumbans These genau das, was die moderne Kulturwissenschaft als „kulturelles Gedächtnis“ bezeichnet. Dieses beruht auf symbolischen Zeichen, die die Erinnerung fixieren, verallgemeinern, vereinheitlichen und über Generationen hinweg tradierbar machen.(laut Aleida Assmann)
    Das eigentliche Problem an der Sache ist ein mediales, nämlich Folgendes: Solange diese Dinge, also Ursprungsmythen, Traditionen etc. mündlich überliefert werden, sind sie wandelbar und bleiben aktuell und praktikabel.
    Problematisch wird die Sache mit der Einführung der Schrift: Sobald ich etwas aufschreibe, bleibt es zwar im genauen Wortlaut erhalten, verliert aber so seine Wandelbarkeit und somit seine Lesbarkeit.
    Wir müssen uns also bewusst machen, dass schriftlich überlieferte Traditionen ein Zeugnis ihrer Zeit sind und im heutigen Kontext veraltet und deswegen einer neuen Deutung und Auslegung bedürfen um sie langfristig am Leben zu halten.

  3. Jonathan Says:

    Das meinte ich ja: wenn wir versuchen bewußt zu machen, dass manche Traditionen veraltet sind, greifen wir damit subtil die Gemeinschaft derer an, die durch diese Traditionen täglich wieder zusammenhalt finden und denen sie helfen ihrem Glauben nachzugehen.
    Was aber würde eine moralische Schrift bewirken, die nur in Fragen geschrieben wäre, die man sich täglich stellen soll. statt den zehn Geboten die zehn Fragen?

  4. Kathrin Says:

    Du stellst die falsche Frage: es geht nicht darum, was gegen veraltete Traditionen zu tun, es geht darum, sich mit ihrer Herkunft auseinanderzusetzen und ihre symbolische Bedeutung zu begreifen. Du sollst Traditionen also nicht abschaffen sondern sie verstehen. Und dann bist du wahrscheinlich überrascht, wie aktuell scheinbar veraltete Traditionen in ihrer Essenz sein können.
    Auf die 10 Geboten übrigens gründet sich das gesamte Wertesystem unserer westlichen Kultur, die kannst du nicht einfach als veraltet abtun.
    Der Gründungsmythos der USA gründet auf dem Buch Exodus, und auch unser Selbstverständnis als Mensch ist viel stärker durch religiöse Tradition und biblische Texte geprägt, als uns bewusst ist. Glaube hin oder her, die christliche Tradition prägt unser Denken und unser Moralverständnis.

  5. Jonathan Says:

    Und nur weil ihre Herkunft aktuell ist, soll ich dann Traditionen, die in ihrer Ausübung veraltet sind beibehalten?
    Ich stelle übrigens nicht die zehn Gebote in Frage, ich stelle die Frage, was moralische Werte in schriftlicher Form bewirken, wenn sie ein anderes pädagogisches Konzept verfolgen, nämlich Fragen zu stellen.

  6. Kathrin Says:

    Ich habe das Gefühl, dass wir aneinander vorbei reden, vielleicht weil das Problem zu abstrakt ist. Können wir das konkretisieren? Von welchen veralteten Traditionen sprechen wir? Was ist für dich veraltet? Das Kruzifix? das Kopftuch? Das Bilderverbot im Islam? Das „Vater Unser“? Das Beten des Rosenkranzes am Vorabend einer Beerdigung? Pilgern?

    Ich sage, dass wenn der Effekt/der Sinn einer Tradition aktuell ist, kann die Tradition selbst nicht veraltet sein. So setzt du z.B. deine Mütze ab, wenn du eine Kirche betritts, aus dem gleichen Grund, aus dem du vor einer Moschee de Schuhe ausziehst, oder eine Kippa aufsetzst, wenn du in eine Synagoge gehst – diese Handlungen dienen alle 3 dazu, den sakralen gegenüber dem profanen Raum abzugrenzen – und in dem du dich an die Regeln hältst, erkennst du eine Kirche/Moschee/Synagoge als heiligen Raum an, und erweist so der jeweiligen Glaubensgemeinschaft gegenüber Respekt, egal ob du deren Glauben teilst, oder nicht.
    Ich würde zum Beispiel in einem islamischen Land natürlich ein Kopftuch tragen, wenn ich einen sakralen Ort betrete und trage auch zum Beispiel in einer tunesischen Stadt Kleidung, die Schultern und Knie bedeckt.

    Und zu deiner Frage nach dem Fragen stellen:
    Ein solcher Text funktioniert nur, wenn wir ein gewisses moralisches Grundempfinden des Lesers voraussetzen. Und dieses wiederum haben wir nicht durch irgendwelche Fragenkataloge gewonnen und das ist auch nicht von Geburt an da, sondern diese Moral wird uns in unserem speziellen kulturellen Kontext anerzogen (von wem auch immer) und dieser kulturelle Kontext entsteht aus dem kulturellen Gedächtnis und das wird wiederum von jahrtausende alten Texten (wie z.B. dem Buch Exodus) genährt. Womit wir uns einmal im Kreis gedreht haben und wieder bei meinem Anfangsargument wären!

    Also meiner Meinung nach lautet die Antwort auf deine Frage: Nichts!

  7. Jonathan Says:

    Kathrin sagte:
    Ich sage, dass wenn der Effekt/der Sinn einer Tradition aktuell ist, kann die Tradition selbst nicht veraltet sein.
    Im Prinzip stimme ich dir hier zu. Nur haben Traditionen eben nicht nur einen Effekt. Das Verschlehern von Frauen hat den Effekt, dass sie ihren Respekt zu Gott zeigen, dass Männer nicht zu sehr von ihnen abgelenkt werden, dass die Frauen probleme haben einen Mann zu finden, dass sich Frauen unterdrückt fühlen, dass die Haare dunkel bleiben, dass eine Muslima sich öffentlich zu ihrer Religion bekennen kann.
    Das ist nicht wertend gemeint. Ich bin genauso gegen ein Kopftuchverbot, wie gegen einen Kopftuchzwang.
    Um auf die Diskussion zurück zu kommen. Traditionen haben sich in so viele Richtungen entwickelt, dass immer jemanden gegen den Karren pisse wenn ich irgendetwas ändern oder nicht verändern will.
    Der einzige Ausweg aus diesem Dilema ist Bildung. Nur ein Mensch, der seine Schwächen (wie Triebe oder Traumata) kennt, ein Mensch, der selber entscheiden kann, kann mit Traditionen er-wachsen umgehen.
    Und nur mit solchen Menschen ist eine Demokratie machbar.

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