Sex und der Jakobsweg

Sex spielt für mich als Pilger eine erstaunlich große Rolle. Nicht weil ich soviel davon hätte, sondern gerade weil Sex nicht vorkommt, steht er stellvertretend für andere nicht gestillte Bedürfnisse. Ich bin mir zwar bewußt, das Sex hier nur kurzfristige Befriedigung bringen kann, jedoch mein Körper und mein Es sind da anders konditioniert.

Boys and men showing off

Dürfen Männer weich sein?

Die Konditionierung resultiert vor allem aus der praktischen Tatsache, dass Sex ein Weg ist an Liebe und Wärme zu kommen. Noch dazu einer, der dem archetypischen (und anachronistischen!) Bild eines Mannes entspricht. Denn hier kann Mann Wärme und Liebe bekommen und trotzdem männlich, dominant und all das sein, was angeblich Mann-sein ausmacht.

Männer kuscheln nicht einfach so. Dann wären sie nämlich weich, weibisch, schwul oder kindisch. Männer reissen Frauen auf. Dann sind sie cool, stark und unwiderstehlich.

Und das ist das Problem: durch dieses veraltete Rollenbild habe ich mich wohl so konditioniert, dass mein Körper denkt: „hier kriege ich schnell und (meist) unkompliziert eine kleine Portion Liebe, garniert mit Bestätigung und als Nachtisch einen Orgasmus.“ So denke ich an Sex wenn ich im Wald die Liebe zur Natur spüre. Ich denke an Sex wenn ich einsam bin. Und ich denke an Sex wenn ich unausgelastet bin.

Zurück zum Jakobsweg

Der Jakobsweg ist einsam. Jeder Fernwanderweg ist einsam. Denn man ist jeden Tag woanders und hat nie die Zeit die Menschen intensiver kennen zu lernen. Ich sehne mich nach körperlichen und geistigen Nähe. So telefoniere/chatte/emaile ich täglich nach Hause. Für das Bedürfnis nach Körperlichkeit gibt es allerdings keine virtuelle Lösung. Auch kenne ich meine GastgeberInnen zu kurz (um 18 Uhr ankommen, bis 24 Uhr Backgamon spielen), als dass Körperlichkeiten in der Luft läge.

Stärke und ihre Schwächen

Durch das wochenlange Laufen eines 20-Jährigen. Eines Jugendlichen/Mannes der sich in seinem besten Alter befindet, kommt dessen Körper zu ungewohnter Stärke. Ich bin also in den letzten Wochen zu einer für mich ungewöhnlichen Kondition gekommen. Das bewirkt, dass ich morgens um 7 loslaufen kann und um halb zwölf bereits 17 km und 600 Höhenmeter hinter mir habe. Außerdem abends viel weniger am Ende bin als noch am Anfang.
Gleichzeitig bewirkt diese Kondition, dass ich eine große Menge an Energie zur Verfügung habe, die nicht genutzt wird wenn ich nur wenig laufe oder Pause mache.
In dieser Situation reagiert mein starker, sich nach Nähe sehnender, unausgelasteter Körper mit Geilheit. Sex wäre nach einem Tag mit wenig körperlicher Anstrengung und noch weniger Erfolgserlebnissen eine Möglichkeit den Körper zu befriedigen. Er wäre danach ausgelastet, der Stolz wäre Befriedigt, hätte Nähe bekommen und würde so eine selige Befriedigung erzeugen.

Doch kann ich nicht die Energie umleiten oder aufsparen für einen neuen Tag und mit mir zufrieden sein? Einfach so?

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4 Antworten to “Sex und der Jakobsweg”

  1. Sigurd Says:

    meinen Glückwunsch! Du fängst an, bei Dir anzukommen….

    Ich habe spontan ein paar Bilder im Kopf:

    Den coolen Typen, der im Maserati die Leopoldstraße auf und ab fährt, eine Frau nach der anderen „aufreißt“ und dabei den Papi, der mit Bananenbrei-Resten auf der Hose den Kinderwagen schiebt belächelt.
    Der aber auch spürt oder ahnt, dass ihm irgendetwas fehlt und er sich spätestens dann lächerlich macht, wenn er mit 60 immer noch im Maserati die Leopoldstraße auf und ab fährt…

    Auf der anderen Seite den Papi mit dem Kinderwagen, der sich knuffig wohl fühlt mit seiner Familie und die Vertrautheit und emotionale Wärme genießt aber vielleicht auch mal gerne kurz Maserati fahren würde.

    Dürfen Männer weich sein? Was ist mit Sex und emotionaler Wärme?

    Lass mich mal mit dem Sex und der emotionalen Wärme anfangen.
    – Sex ohne emotionale Wärme ist ein Ventil
    – emotionale Wärme zu haben ohne Sex haben zu müssen ist ein Ofen, der dich lange wärmt
    – emotionale Wärme und zusammen Sex zu haben ist die Königsklasse

    Zur Weichheit des Mannes fallen mir folgende Fragen ein:

    Wie willst Du lieben, wenn Du nicht weich bist?

    Wie willst Du Kinder erziehen, wenn Du nicht weich bist und dabei das notwendige Quäntchen Härte aufbringst, um konsequent zu bleiben?

    Wie willst Du in einer Partnerschaft tragfähige Kompromisse finden, wenn Du nicht weich genug bist, um Dich in Dein Gegenüber hineinzufinden, und wenn Du nicht hart genug bist, um Deine wesentlichen Bedürfnisse einzubringen?

    Wie willst Du einen feindlichen Konflikt ausfechten, wenn Du nicht hart genug bist, um diesen Kampf zu führen?
    Aber wie willst Du einen Konflikt beenden, wenn Du zu hart bist, um vergeben zu können?

    Ich wünsche Dir, dass Du in der großen Bandbreite zwischen weich und hart Dein Spektrum findest und dass Du es dann aushältst, wenn Dich die „Härteren“ ein „Weichei“ und die „Weicheren“ einen „Macho“ nennen.

  2. Denise Says:

    Lieber Jonathan,

    ich finde es toll, wie Du nachdenkst und schreibst.
    Hab immer mal wieder an Dich gedacht, wies Dir wohl geht.
    Die Bedürfnisse, die man als junger Mensch mit Sex stillen muß und zu stillen meint, verändern sich mit der Zeit. Das ganze Leben lang.
    Das ist übrigens nicht unbedingt nur bei Männern so das starke Bedürfnis nach Sex –
    mit oder ohne Kuscheln. Da gibts es tatsächlich auch bei Frauen eine große
    Bandbreite UND bei ein und derselben Frau kann das mal so oder mal so sein.
    Die Problematik bei Frauen ist nicht Weichei oder Macho, sondern heißt Blümchen oder Schlampe. Auch schwierig, da einen Weg zu finden.
    Aber ist es das nicht gerade: Den Weg für einen selbst zu finden, in die Füße zu bekommen, wohin man gehen muß? Das machst Du ja gerade 🙂
    Und die vielen Wegkreuzungen…………da wächst doch die echte Souveränität!
    Ich umarm Dich!
    Deine Tante 😉

  3. Schelle Says:

    Spannender, wahrer Text. Auch der deiner Tante. Ich hoffe, es läuft für dich spannend, aufregend und erfüllend! Grüße

    PS: Das Typobuch hab ich bisher nicht bekommen, hoffe deine Ma hat auch keins abgeschickt 😉

  4. Jonathan Says:

    Danke für die vielen Antworten! Ich war ziemlich unsicher, ob ich den Artikel veröffentlichen kann und habe per Mail auch ein paar sehr kritische Kommentare bekommen. Würde mich natürlich auch über kritische Kommentare unter dem Artikel freuen (kann ja auch anonym sein).

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